New Cultural Agencies / Kültürel Aracılar
Ein interdisziplinäres Projekt von Künstlern, Architekten und Studenten zu den Themen Stadtplanung und Öffentlicher Raum in Istanbuls Vororten. Eine Initiative der Mimar Sinan University of Fine Arts (Istanbul) und der Städelschule Frankfurt in Kooperation mit der Allianz Kulturstiftung und der Platform Garanti & Garanti Gallery (Istanbul).
Ausgehend von einer Untersuchung der kulturellen Infrastruktur im urbanen Gefüge Istanbuls initiiert das Projekt "Cultural Agencies" neue Modelle institutioneller Praxis und Kooperationen zwischen Künstlern, Architekten und den lokalen Gemeinschaften in der sich rapide verändernden Peripherie von Istanbul. Das Projekt versteht sich nicht zuletzt auch als Kommentar zur räumlichen Logik der kulturellen Infrastruktur der Megacity und deren kultureller Großereignisse. So befinden sich nahezu alle national und international wahrgenommenen Kulturinstitutionen und Ausstellungsorte im wohl behüteten Kontext des zentralen Stadtbezirks Beyoğlu. Die Projekte von "Istanbul Kulturhauptstadt Europas 2010" konzentrieren sich ebenso auf das Zentrum. Die "Capital of Culture" wird zu einem Ort, der räumliche Konzentration mit der Produktion von kulturellem Kapital koppelt.
"Cultural Agencies" versucht aus der kulturellen Blase des Zentrums auszubrechen und lenkt die Aufmerksamkeit auf die kulturelle Produktion der Bewohner von Istanbuls weitgehend vernachlässigter und illegal entwickelter Peripherie. Hier sind die im Zentrum akkumulierten traditionellen Typologien kultureller Institutionen –wie Museum, Kunsthalle, Bibliothek, Theater oder staatliche Kulturhäuser - nicht existent. Fast unsichtbar für den Außenstehenden wird das scheinbare institutionelle Vakuum der illegalen Gecekondu-Siedlungen durch eine Vielzahl von "Agencies" besetzt. Diese sind informell, familiär, gemeinschaftlich, religiös oder politisch organisiert und umfassen Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftsinstitutionen, Heimatvereine (hemşehri dernekleri), die eine Verbindung zum Heimatort der Migranten herstellen. Das nahezu vollständige Fehlen öffentlicher oder privater Kulturförderung wird durch Improvisation, aktivistisches Engagement und Selbsthilfe kompensiert.
"New Cultural Agencies" initiiert eine auf Vertrauen basierende Kooperation mit einer Auswahl lokaler Gemeinschaften. Mit Hilfe von Architekten, Planern, Künstlern, Aktivisten, Studenten und den Bewohnern selbst werden bestehende kulturelle Phänomene kartiert und analysiert. So entsteht ein Archiv lokaler Praxis, das neue Zugänge zu bislang unterrepräsentierten Narrativen ermöglicht. Mittels gezielter und vom Projektteam und Bewohnern gemeinsam kuratierten Interventionen sollen bestehende Formen von "Agency" kritisch hinterfragt, konsolidiert und in neue Formate weiter entwickelt werden, die jenseits primär politisch motivierter oder nostalgisch rückwärtsgewandter Institutionen stehen, die das Bild des gecekondu-Bewohners als anatolischen Bauern perpetuieren. Das Vertrauen und die Erfahrung, die die lokale Gemeinschaft in das Projekt investiert, wird durch das Angebot erwidert, in Form von Seminaren, Vorträgen oder Veranstaltungen vielfältige Impulse und Anregungen für die Weiterentwicklung der kulturellen Infrastruktur zu geben, sowie lokale Gruppen regional und international zu vernetzen.
Jenseits dieser konkreten lokalen Resultate sucht "Cultural Agencies" eine breite, interdisziplinäre Debatte über Handlungsmöglichkeiten für Künstler, Architekten und Kulturschaffende in der Auseinandersetzung mit ausgegrenzten Gemeinden. Das Umfeld der Istanbuler „post-gecekondu“ Gemeinden ist exemplarisch für einen Großteil der globalen Verstädterung, in denen traditionelle Definitionen von öffentlichem Raum unbrauchbar geworden sind. Hier verwischen die Grenzen zwischen öffentlich und privat, stabil und instabil, physisch und virtuell, lokal und global, ortsspezifisch und abstrakt. "Cultural Agency" ist somit auch eine Untersuchung von neuen, bisher kaum entdeckten kollaborativen Handlungsmodellen zwischen Bewohnern, lokalen Aktivisten, Künstlern, Architekten oder Kuratoren.
Was wurde bisher erreicht?
Im Mai 2009 begann die Projektarbeit in der Nachbarschaft von Gülensu-Gülsuyu. Im Rahmen eines Workshops im Mai 2009 wurden bestehen Institutionspraktiken gemeinsam mit Studenten der Frankfurter Städelschule und Mimar Sinan Universität in Istanbul untersucht. In Folge entstanden prototypische Projekte wie ein Raum für wöchentliche Veranstaltungen (Gülsuyu/ Gülensu Dükkânı), ein Sammlungsprojekt (Mobile Vitrine) und ein Archive von Interviews mit lokalen Bewohnern (Oral History). Während der Kunstbiennale Istanbul 2009 organisierte das Projekt eine internationale Konferenz, auf der die Zwischenergebnisse präsentiert und diskutiert wurden. Im Jahr 2010 werden die laufenden Formate fortgesetzt und erweitert. Durch "Stipendien" für lokale und internationale Künstler soll die geschaffene Plattform für weitere Akteure und intensiveren Austausch geöffnet werden. Die Projekte werden durch einen Blog (cultural-agencies.blogspot.com) und eine Publikationsserie (türkisch und englisch) dokumentiert.
Cultural Agencies/ Kültürel Aracılar ist eine Initiative kuratiert von Nikolaus Hirsch, Philipp Misselwitz und Oda Projesi.
Kuratorischer Beirat: Vasıf Kortun, Pelin Dervis
Projektkoordination: Ece Sarıyüz
Projektteam: Meriç Öner, Jean-François Perouse, Murat Yalçıntan
Mit Beiträgen von: Fevzican Abacıoglu, Ayse Nur Akdal, Kamile Batur, Yigit Battal, Hakan Bozoglu, Tim Caston, Daniel Cook, Mina Cenan Çakmak, Büsra Çiçek, Ali Danacı, Zeynep Sema Demir, Burcu Demircan, Gizem Demirci, Shahab Fotouhi, Giorgio Giusti, Oliver Heizenberger, Duygu Kaban, Korhan Kalaycıoglu, Cengiz Karabag, Tom Kirby, Martin Kirchner, Erhan Koç, Dicle Koylan, Cenk Külçe, Natalie Lunt, Meriç Öner, Melisa Özelkan, Ugur Öztürk, Gürcan Özyigit, Jean-François Pérouse, Kirsten Reibold, Ala Roushan, Talha Sagıroglu, Evrim Gülcan Savas, Cihan Sürer, Talat Sürer, Merve Tuba Tanok, Deniz Tarı, Gözde Turhan, Tugçe Tüfenk, Volkan Uyar, Federico Del Vecchio, Paul Wild, Murat Cemal Yalçıntan, Erdogan Yıldız, Damla Özgü Yıldız und andere.
Projektträger: Platform Garanti/ Garanti Galeri in Partnerschaft mit Mimar Sinan Universität Istanbul und Städelschule Frankfurt.