Lecture 1: Europa am Scheideweg, 30. April 2006
Schwer krank, aber nicht unheilbar. "Reden über Europa": Auftakt zu einer Diskussionsreihe in München

Hans Werner Kilz
Süddeutsche Zeitung, FEUILLETON, Dienstag, 2. Mai 2006
"Seltsam ist's, dass Europa, gegen andere Erdteile berechnet, alles hat, von Verstand und Klima an bis zu zahmen Tieren - und nur kein Geld." - Was Jean Paul schon vor gut 200 Jahren in seinen "Dämmerungen für Deutschland" notierte, wörtlicher als heute ließ es sich wahrscheinlich selten behaupten.Wir leben in Zeiten, in denen das Wort Europa längst nicht mehr nur den Kontinent benennt, sondern eine existierende Staatengemeinschaft, die eine Kommission in Brüssel unterhält und ein Parlament in Straßburg.

Bronislaw Geremek
Und diese Gemeinschaft hat spätestens seit den turbulenten Brüsseler Finanzgipfeln im vergangenen Jahr schwere Geldprobleme. Es verwundert deshalb kaum, dass derzeit auch das Reden über Europa abseits der Tagespolitik von finanziellen Überlegungen wenn nicht dominiert, so doch immer domestiziert wird.Dass die Vortrags- und Diskussionsreihe "Reden über Europa", die die Allianz-Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsschauspiel und der Süddeutschen Zeitung am Sonntag im voll besetzten Parkett des Münchner Residenztheaters begann, mit einer Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber eröffnet wurde, die europäische Bürokratiekosten, Wohlstandsstatistiken und den deutschen Netto-Anteil am EU-Haushalt vorrechnete - das war, so gesehen, bloß konsequent.

Michel Rocard
Der Glaube ans Unmögliche
Den damit in Erinnerung gerufenen Grenzen, die die Ökonomie dem Denken setzt, konnten sich auch die zur Auftaktveranstaltung "Europa am Scheideweg" geladenen Gäste Michel Rocard, Bronislaw Geremek und Robert Picht nicht mehr völlig entziehen.Wenn es denn gelang, dann wie bei dem Soziologen Robert Picht nicht in Form visionärer Gedankengebäude, sondern eher als Ermunterung zur Utopie. In Stoibers Ruf nach weniger Europa wollte der am Europa-Kolleg in Warschau lehrende Professor ganz und gar nicht einstimmen.

Robert Picht
Nicht nur Europa sei ratlos, auch die Nationalstaaten steckten in der Krise: "Unsere Nationalstaaten lösen die großen, vor allem die mit der Globalisierung verbundenen Probleme immer weniger." Mehr Europa sei deshalb nötig, mehr Mut zu einer neuen Utopie von Europa, unabhängig von der Frage nach der verkraftbaren Anzahl von Mitgliedsländern. Dass der Glaube an das scheinbar Unmögliche produktive Kraft entfalten kann, habe schließlich die Selbstbefreiung Mittel- und Osteuropas vom Kommunismus bewiesen. Mit Blick etwa auf die selbstverständliche Internationalität der Studenten der "Generation Erasmus" müsse die Frage erlaubt sein, ob "das reale Europa nicht schon viel weiter fortgeschritten ist, als die aktuell so viel beschworene Euro-Tristesse vermuten lässt".

Edmund Stoiber
Sieben Jahre Winterschlaf
Markiger, realpolitischer und weniger optimistisch positionierte sich der sozialdemokratische Europaparlamentarier und ehemalige französische Premierminister Michel Rocard: "Europa hat keine Denkpause eingelegt, Europa befindet sich in der Agonie." Wenn das EU-Parlament dem im Dezember ausgeschacherten Finanzrahmen für die Jahre 2007 bis 2013 zustimme, befinde sich Europa "mindestens während der nächsten sieben Jahre im Winterschlaf, wenn nicht im Todesschlaf".

Henning Schulte-Noelle
Im Moment, das zeigten die gescheiterten Verfassungsreferenden, sei Europa die Geisel der Bürger, die angesichts von Lohnkürzungen, Outsourcing und immer prekäreren Arbeitsverhältnissen Zukunftsangst haben. Wenn es nicht gelinge, eine neue europäische Identität und Begeisterung für Europa zu schaffen, stehe das gesamte Projekt der Einigung auf dem Spiel - und mit ihm nicht weniger als die westliche Zivilisation. Solchem Fatalismus mochte der Geschichtsprofessor, liberale Europaabgeordnete und ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek nicht folgen.

Rocard, Kilz, Geremek
Schon einmal habe sich für ihn mit der Befreiung und der EU-Mitgliedschaft seines Landes ein Traum erfüllt, sagte Geremek, der als eine der Galionsfiguren der Solidarnosc den polnischen Widerstand anführte. "Europa befindet sich nicht im Todeskampf, Europa ist schwer krank - aber heilbar." Realitäten seien änderbar. Es müsse allerdings die Unterstützung der Bürger zurückgewonnen werden. Und das klappe nur, wenn deutlicher auf die Frage geantwortet werde, warum ein gemeinsames Europa überhaupt eine gute Sache sei. "Ein EU-Außenminister könnte dabei helfen", so Geremek, und vor allem das Ende der Rede von der Erweiterung: "Es geht doch um die Einigung Europas."

Rocard, Kilz, Geremek, Picht (v.l.n.r.)
Dass die kurze, von SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz moderierte Diskussion zum Schluss mit einer Europa-Vision Bronislaw Geremeks endete, dem Traum von einem Europa, das sich im Jahr 2015 als eine Familie versteht, in der man sich nahe ist und miteinander offen reden kann: das klang im ersten Moment natürlich fast allzu utopisch. Aber die Träume dieses Mannes sollen ja schon einmal in Erfüllung gegangen sein. JENS-CHRISTIAN RABE

Rocard und Kilz
Die Matinee am Sonntag, 7. Mai, gilt dem Thema "Europa im globalen Wettbewerb". Zu Gast sind Allianz-Vorstandsvorsitzender Henning Schulte-Noelle, der ehemalige Wettbewerbskommissar Peter Sutherland und Europastaatssekretär Joachim Wuermeling.

Bronislaw Geremek
Referenten: Dr. Michel Rocard, Prof. Bronislaw Geremek, Prof. Robert Picht; Moderation: Martin Winter. Redezeiten (siehe Download auf der rechten Seite): Dr. Henning Schulte-Noelle: ca. 0:00:00 bis 0:13:29; Dr. Edmund Stoiber: ca. 0:13:29 bis 0:36:18; Professor Robert Picht: ca. 0:37:44 bis 0:54:21; Dr. Michel Rocard: ca. 0:54:21 bis 1:12:00; Professor Bronislaw Geremek: ca. 1:12:00 bis 1:32:11

Große Runde
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