Lecture 2: Europa im globalen Wettbewerb, 7. Mai 2006
Wenn der Hurrikan pfeift. Europa im globalen Wettbewerb: Eine Diskussion in München

Schulte-Noelle (am Rednerpult), Wuermeling
Süddeutsche Zeitung, FEUILLETON, Dienstag, 09. Mai 2006
Wo es früher noch um den Maibaum ging, wenn die Rede davon war, dass etwas "gut aufgestellt" sei, da sind heute Unternehmen, Volkswirtschaften und Staatenbünde gemeint. "Gut aufgestellt", das heißt im Jargon der Ökonomen: produktiv,effektiv und innovativ.

Schulte-Noelle (am Rednerpult), Wuermeling, Winter, Sutherland
Nur so kann man es aufnehmen mit der Konkurrenz, die längst auf der ganzen Welt lauert. Wenn man die Schauer-Geschichten der Marktschreier hört, dann wirkt Gerhard Polts asiatischer Tellerwäscher Herr Prabang plötzlich nur noch ganz zart überzeichnet: Klaglos arbeitet dieser in einer Nummer des Satirikers 80 Stunden pro Woche in einer Imbissbude und nimmt auch noch jede Gehaltskürzung verständnisvoll hin: "In Asien ist das so: Wenn der Hurrikan pfeift, gibt das Bambusrohr nach."

Joachim Wuermeling
Wie es im Angesicht solcher Mitstreiter um die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas bestellt ist, darum ging es am Sonntag im zweiten Teil der von der Allianz-Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsschauspiel und der SZ veranstalteten Vortrags- und Diskussionsreihe "Reden über Europa".

Peter Sutherland
Auf der Bühne saßen neben Moderator und Brüssel-Korrespondent der SZ, Martin Winter, der Allianz-Aufsichtsratsvorsitzende Henning Schulte-Noelle, der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar Peter Sutherland und der Europa-Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Joachim Wuermeling. Henning Schulte-Noelle eröffnete die Vortragsrunde offensiv, optimistisch, so als müsste erst einmal alles, was Polt zu seinem "lebendigen Spüler" inspiriert haben mag, von der großen Bühne gefegt werden: "Europäische Unternehmen sind im globalen Wettbewerb durchaus konkurrenzfähig."

Peter Sutherland, Henning Schulte-Noelle
Viele seien Weltmarktführer ihrer jeweiligen Branche, mehr als die Hälfte der 50 weltgrößten, multinational tätigen Industrie-und Finanzkonzerne hätten ihren Sitz in der EU. Das Übrige formulierte der Manager als Fragen, allerdings deutlich wirtschaftsliberal konnotierte: "Wird die Wahrnehmung Europas im Moment zu stark beeinflusst von Sorgen und Ängsten? Sind die großen wirtschaftlichen Errungenschaften Europas - der freie Warenverkehr, die gemeinsame Währung - zu selbstverständlich geworden?" Und: "Gibt es das überhaupt: ein gemeinsames Wirtschafts- und Sozialmodell?"

Martin Winter, Peter Sutherland, Henning Schulte-Noelle (v.l.n.r.)
Richtlinie 14.08
"Doch, es gibt dieses europäisches Sozialmodell!", plädierte energisch der etwas gouvernementaler orientierte CSU- Staatssekretär Wuermeling, aber es werde von der Globalisierung sehr bedrängt. Diese zu verdammen, ohne zu sehen, wie viele Arbeitsplätze sie gerade auch in Europa schaffe, sei jedoch fahrlässig. Das "Auseinanderklaffen von wirtschaftlicher Vernunft und öffentlicher Angst" habe auf Dauer bloß eine "seltsam provinzielle" europäische Gesetzgebung zur Folge. Was sich in Europa dagegen endlich durchsetzen müsse, sei ein "Gestaltungsanspruch der Globalisierung".

Große Runde: Wuermeling, Winter, Sutherland, Schulte-Noelle (v.l.n.r.)
Ganz in diesem Sinn nutzte danach der Ire Peter Sutherland die Gelegenheit zu einem Bekenntnis zur Integration und formulierte eine engagierte Verteidigung der europäischen Institutionen: "Institutionen sind vielleicht ein langweiliges Thema, aber ohne sie wird es niemals eine gemeinsame europäische Politik geben." Zudem sollten die Leute aufhören, von einer wirtschaftlichen Krise ganz Europas zu sprechen. Zu diesem Hinweis passte der Einwurf Wuermelings, dass es auch attraktiverer Begriffe bedürfe, um das Vertrauen der Bürger für das europäische Projekt zurückzugewinnen: "'Lissabon-Prozess' oder 'Richtlinie 14.08' sind nicht gerade mitreißende Label!" Wären noch mehr Europa-Politiker vom Schlage Sutherlands im Spiel - an der Anschaulichkeit der Begriffe würde es wohl nicht fehlen: "Wenn wir die europäische Einigung vermasseln", mahnte er zum Schluss eindringlich, "dann wird uns die Geschichte verdammen - und Europa wird zu einer Touristenattraktion für die Besucher aus dem Osten und dem Orient." JENS-CHRISTIAN RABE
Referenten: Peter Sutherland, Henning Schulte-Noelle, Joachim Wuermeling; Moderation: Martin Winter. Redezeiten (siehe Download auf der rechten Seite): Dr. Henning Schulte-Noelle: ca. 0:00:00 bis 0:16:50; Dr. Joachim Wuermeling: ca. 0:16:50 bis 0:31:36; Peter Sutherland: ca. 0:31:36 bis 0:54:13
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