Lecture 3: Europas Weg zur Weltspitze, 28. Januar 2007
Vorbild Europa? US-Nobelpreisträger Stieglitz sieht den alten Kontinent gerüstet für globale Herausforderungen, Industriekommissar Verheugen ist skeptisch

Begrüßung: Hans Werner Kilz
Süddeutsche Zeitung, 29.01.2007
Als EU-Industriekommissar müsste Günter Verheugen die Autokonzerne gut kennen. Doch als er unlängst in Skandinavien ein Testzentrum besuchte, habe er "erschüttert" festgestellt, dass Umweltfreundlichkeit als Kriterium dort kaum eine Rolle spielte, erzählte Verheugen bei der dritten Allianz-Lecture am Sonntag im Münchner Residenztheater. Dabei werde doch gerade in diesen Zeiten von Europa erwartet, dass es weltweit ein Vorbild ist, in ökonomischer wie auch ökologischer Hinsicht. "Europas Weg zur Weltspitze - ökonomische und ökologische Herausforderungen": Besser hätte der Zeitpunkt der Veranstaltung von Allianz-Stiftung und der Süddeutschen Zeitung kaum gewählt sein können - am Ende einer Woche, in der US-Präsident George W. Bush ehrgeizige Umweltziele verkündete und Klimapolitik beim Wirtschaftstreffen von Davos wichtiges Thema war.

Günter Verheugen
Die Globalisierung habe eine neue Dimension erreicht, sagte Verheugen, bald würde ein echter Wettbewerb zwischen Industriestaaten und Schwellenländern beginnen, auf einem ähnlichen technologischen Niveau. Zudem sei die Ära der amerikanischen Vorherrschaft, die nach Ende des Kalten Krieges begonnen hatte, vorbei. Was der New Yorker Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stieglitz als Vorteil sah: Die USA könnten der Welt nicht mehr unfaire Bedingungen etwa beim Handel diktieren, sagte er.

Joseph E. Stiglitz
Die Stunde Europas habe deshalb geschlagen, ist Stieglitz überzeugt. Der alte Kontinent mit seiner Vielfalt an Werten und einem stärkeren Umweltbewusstsein könne besser als die USA in einer multilateralen Welt agieren, die zudem die Sorge um die Klimaerwärmung plagen muss. Aus der Ferne sieht bekanntlich vieles rosiger aus, und der erfahrene Europa-Politiker Verheugen warnte davor, dass die EU viel zu schlecht für die globalen Herausforderungen aufgestellt sei.

Hans Joachim Schellnhuber
Zur Zeit sei die Stimmung, vor allem in Deutschland, gegen eine stärkere politische Integration, sagte Verheugen. Und die fehlende Verfassung erschwere eine strategische Politik der EU. Immerhin, in Sachen Klima habe Brüssel mit seinem kürzlich vorgestellten Energie-Papier einen wichtigen Schritt getan. Wie richtig eine weitsichtige Energiepolitik ist, die auch auf Sparen und erneuerbare Quellen setzt, machte der Potsdamer Physiker Hans Joachim Schellnhuber deutlich.

Plenum
Wenn die Menschheit so weitermache wie bisher, drohe dem Globus eine Erwärmung von fünf Grad Celsius im Laufe der nächsten Jahrzehnte. Tröstlich sei, dass die schlimmen Folgen des Klimawandels ins Bewusstsein eingedrungen seien. Gebraucht werde eine dritte industrielle Revolution, welche Industrie und Verkehr weitgehend kohlenstofffrei mache, forderte Schellnhuber. Ohne politische Führung geht das nicht, waren sich alle drei Referenten einig, so sei ein Nachfolgevertrag für das Klimaprotokoll von Kyoto dringend nötig. Aber es gehe eben auch nicht ohne die Menschen, die als Konsumenten ihre Macht ausspielen könnten, sagte Schellnhuber. Indem sie zum Beispiel umweltfreundliche Autos kauften.

Publikum
JEANNE RUBNER - Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung.
Begrüßung: Hans Werner Kilz, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Referenten: Günter Verheugen, Joseph E. Stiglitz, Hans Joachim Schellnhuber. Moderation: Stefan Kornelius, Süddeutsche Zeitung