>Startseite > Sitemap
Allianz Kulturstiftung
 
Seite weiterempfehlenSeite drucken
 
Zürich, Gleis 8. Wo endet Europa? Eine Diskussion in München

Illustratives Bild

Michael Thoss, Leiter der Allianz Kulturstiftung

Süddeutsche Zeitung, 26.02.2007
Die scheinbar einfache Frage nach den Grenzen Europas - sie ist in Wahrheit eine wirklich vertrackte. Geht man es geographisch an, gibt es zwar im Norden, Süden und Westen kein Problem, aber im Osten, wird man von den Geographen belehrt, sind alle vermeintlich natürlichen Grenzen nichts als Konvention. Der Ural galt erst Mitte des 18. Jahrhunderts als östliche Grenze, keine fünfzig Jahre zuvor war es noch eine viel westlicher liegende Linie zwischen dem heutigen Finnland und dem Schwarzen Meer.

Illustratives Bild

Juri Andruchowytsch

Auch institutionell ist die Lage alles andere als eindeutig. Kasachstan und Israel etwa sind Mitglieder des europäischen Fußballverbandes UEFA. Und auch das kulturelle Erbe des Kontinents ist längst nicht so homogen christlich-abendländisch, wie das mancher gerne hätte. Systematisch ist der Frage "Wo endet Europa?" also kaum beizukommen. Konsequent erschien es da, dass im vorerst letzten, eben dieser Frage gewidmeten Teil der von der Allianz-Kulturstiftung in Kooperation mit der SZ veranstalteten Diskussionsreihe "Reden über Europa" am Sonntag einmal nicht ranghohe Politiker oder Wissenschaftler auf der Bühne des ausverkauften Münchner Residenztheaters saßen, sondern vor allem: Dichter, Künstler - ein Stand also, dessen Gedanken nicht fest sitzen müssen im straffen Korsett der akademischen Vernunft.

Illustratives Bild

Ilma Rakusa

Eingeladen zu der Matinee waren neben der Moderatorin, SZ-Redakteurin Sonja Zekri, der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch, die in der Slowakei geborene Schweizer Autorin und Übersetzerin Ilma Rakusa, der Schweizer Kunsthistoriker und Leiter der Londoner Serpentine Gallery Hans-Ulrich Obrist sowie der in Bulgarien geborene deutsche Schriftsteller und Übersetzer Ilija Trojanow.

Illustratives Bild

Ilija Trojanow

Sprachen gegen das Imperium
Wo endet Europa? Der 2006 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnete Andruchowytsch antwortete auf diese Frage sehr persönlich. Er las einen Tagebucheintrag vom 23. Oktober 2006, der eine Szene auf dem Zürcher Hauptbahnhof beschreibt. Eine Hundertschaft Polizisten wartete dort, um etwa zwei Dutzend "hochgewachsene Schwarze", die sich in kleinen Gruppen im Zug verteilt hatten und jetzt ausstiegen, aufzuhalten. Er wisse bis heute nicht, was genau damals los gewesen sei, sein Anschlusszug wartete schon.

Illustratives Bild

Ilma Rakusa, Juri Andruchowytsch, Sonja Zekri, Hans-Ulrich Obrist

"Ich hatte nicht einmal Zeit mich für meinen ersten Gedanken zu schämen: Wie wunderbar, in Europa ein Weißer zu sein." Aber später, im Zug nach Berlin, habe er dann genug Zeit gehabt zum Nachdenken: "Die alte Welt ist in Wirklichkeit der jüngste aller Kontinente. Er weiß noch nicht, wo seine Grenzen sind. An diesem Tag verlief seine Grenze an Gleis 8 des Zürcher Bahnhofs." Europas Grenzen seien entsprechend überall und nirgends. "Unsere ehrenhafte Mission ist es, Europa zu beweisen, dass es größer ist, als es selbst meint - und dadurch die zu retten, denen auf allen möglichen Bahnhöfen die Treiber auflauern."

Illustratives Bild

Juri Andruchowytsch, Sonja Zekri, Hans-Ulrich Obrist

Auch Ilma Rakusa erinnerte an das humanistische Potenzial des europäischen Projekts und verwies auf eine andere Grenze des Kontinents, die nicht an seinem Rand verlaufe: die aggressive Mission saudischer Wahabiten in Bosnien. "Solange der Balkan nicht europäisiert ist, brauchen wir gar nicht über andere Grenzen philosophieren!" Missionarisch, im Sinne einer Verbreitung vermeintlich wahrhaft europäischer Werte, wollte das jedoch keiner der Diskutanten verstanden wissen. Eher im Sinne der Wertschätzung einer Vielfalt, die das Nationale transzendiert und damit allen Extremismen eine Riegel vorschiebt. Ein besonderes europäisches Bewusstsein für die Vielfalt, so Ilija Trojanow, Autor des hochgelobten Romans "Der Weltensammler", könne etwa entstehen, wenn die Vielsprachigkeit bewahrt werde. Neben einer Fremdsprache solle in der Schule immer auch eine Nachbarsprache erlernt werden, sagte er.

Illustratives Bild

Hans-Ulrich Obrist

"Multilingualität", sekundierte Ausstellungsmacher Hans-Ulrich Obrist, "ist eine Form des Widerstandes gegen das Imperium." Ein solches dürfe Europa gerade niemals werden. "Die EU ist das Gegenteil von Europa", rief da Ilija Trojanow dazwischen und war selbst etwas überrascht von der Wucht dieses Gedankens. Auf die gespannte Frage, was genau er denn damit meine, antwortete er etwas schüchtern und sehr sympathisch: "Ist mir auch gerade erst eingefallen, da muss ich wohl erstmal drüber nachdenken." Auf die Gedanken so wunderbar skrupulöser Europäer darf man gespannt sein. JENS-CHRISTIAN RABE
JENS-CHRISTIAN RABE - Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung.
Begrüßung: Michael Thoss, Leiter der Allianz Kulturstiftung. Referenten: Juri Andruchowytsch, Hans-Ulrich Obrist, Ilma Rakusa, Ilija Trojanow. Moderation: Sonja Zekri, Süddeutsche Zeitung
Michael Thoss, Leiter der Allianz Kulturstiftung

Bild 1 bis 6 von 14

Bild 7 bis 12 von 14

Bild 13 bis 14 von 14

 
Seite weiterempfehlenSeite drucken