Lecture 1: The World Disorder and the Role of Europe
In Zusammenarbeit mit dem European Council on Foreign Relations

Joschka Fischer, © Andreas Altmann 2008
Die Reihe "Reden über Europa" der Allianz-Kulturstiftung wurde dieses Jahr am 20. Januar in Wien durch den Intendanten des Wiener Burgtheaters Klaus Bachler eröffnet. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Allianz SE, Henning Schulte-Noelle, begrüßte mehr als tausend Besucher im ausverkauften Burgtheater mit einer Rede über die Rolle der Zivilbevölkerung in einem starken Europa. Mark Leonard stellte das European Council On Foreign Relations vor, das die EU künftig in außenpolitischen Belangen beraten wird. Die Veranstaltung war der Auftakt von insgesamt vier "Reden über Europa" die bis April im Burgtheater und im Tanzquartier Wien stattgefunden haben. Das Institut für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) hat die Reihe inhaltlich und organisatorisch unterstützt. Die österreichische Tageszeitung "Der Standard" war Medienpartner der Veranstaltungen.

George Soros, © Andreas Altmann 2008
Auszug aus Der Standard (21.01.08): "Europa könnte, wenn es nur wollte"
„Die Welt braucht mehr europäisches Einfühlungsvermögen“, sagte der Finanzmanager George Soros bei der (…) Diskussion „The World Disorder and the Role of Europe“ im vollbesetzten Burgtheater am Sonntag. […] Die Debatte nahm ihren Lauf mit einem flammenden amerikanischen Plädoyer für die Europäische Union. Anne-Marie Slaughter, die Dekanin des Woodrow Wilson Centers an der Princeton University, gab den quasi konstitutiv verzagten Europäern eine Lektion in positiver Wahrnehmung: „Ich sehe die EU als ein Modell für das 21. Jahrhundert. Europa ist mächtig, weil es sozial gerecht, nachhaltig entwickelt und tolerant ist.“ Aber Europa verstehe sich auch selbst nicht, weil es sich durch die politische Linse des 20. Jahrhunderts betrachte. Europa realisiere nicht, wie gut es eigentlich funktioniert, sagte die Professorin ganz im Sinne der Allianz-Kulturstiftung, die mit ihrer Reihe „Reden über Europa“ am Sonntag erstmals in Österreich Station machte.

Anne-Marie Slaughter, © Andreas Altmann 2008
„Die EU ist eine große Erfolgsstory, ja. Aber angesichts des Aufstiegs Chinas und des Wiedererstarkens Russlands müssen wir uns fragen, ob das traditionelle Integrationsmodell der EU noch funktioniert. Meine Antwort ist: Das Niveau der Integration reicht nicht aus.“
Der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer, der seinerseits zuletzt ein Jahr in Princeton unterrichtet hatte, sah die Sache etwas skeptischer als Anne-Marie Slaugter. Europa dürfe sich nicht wie zuletzt bei der Nahostkonferenz im amerikanischen Annapolis mit einer Rolle als Zahler und einem Platz am Katzentisch begnügen, sondern müsse als Weltmacht mitspielen. Karel Schwarzenberg, Außenminister der in Brüssel durchaus selbstbewusst auftretenden Tschechischen Republik, relativierte indes die Begriffe „old and new Europe“ (Copyright: Donald Rumsfeld). „Das ist Nonsens. Die fundamentalen Differenzen in der europäischen Außenpolitik spielen sich viel eher zwischen Großbritannien und Frankreich ab als zwischen dem angeblich neuen und alten Europa.“[…]

Karel Schwarzenberg, © Andreas Altmann 2008
George Soros indes, ungarischstämmiger Finanzmanager und Philanthrop, lobte Europa als offene Gesellschaft. Die Welt brauche mehr europäisches Führungsvermögen. Europa müsse eine „proaktive Rolle“ einnehmen, weil die Amerikaner mit ihren weltweiten Militäreinsätzen ihr Leadership in Bedrängnis gebracht hätten. […] Den Kern der Debatte sprach Soros mit der Abgabe von nationaler Souveränität an, ohne die es keine substanzielle europäische Außen- und Sicherheitspolitik geben könne. Und wieder Fischers Innenperspektive: „Es ist sehr schwer, nationale Souveränität aufzugeben. Wenn es ums Eingemachte geht, um Krieg und Frieden, um Arbeitsmärkte. Da können keine Entscheidungen im Ausland getroffen werden.“ […] Fischer verwies daraufhin explizit auf die Verteidigungspolitik hin: „Präsident Sarkozy will die traditionelle Spaltung zwischen Nato und EU überbrücken, das wäre eine große Chance. Auch weil die Europäer mehr als nur Militär in die Verteidigungspolitik einzubringen haben.“ […] In der Welt des 21. Jahrhunderts wird niemand mehr nach der österreichischen oder tschechischen Position fragen, sondern nach der Macht Europas. Europa wird deswegen in große Krisen geraten, aber am Ende werden wir es schaffen.“
Veranstaltungsort: Burgtheater Wien
Veranstaltungszeit: Sonntag, 20. Januar 2008, 11 Uhr
Die Referenten

© Andrzej Barabasz
Joschka Fischer
Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland 1998 bis 2005. Bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags, 1994 bis 1998 Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. 1999 Präsident des Rats der Europäischen Union.

© IWM
Karel Schwarzenberg
Außenminister der Tschechischen Republik und Oberhaupt des Hauses Schwarzenberg. Erhielt 1989 gemeinsam mit Lech Wałęsa den Menschenrechtspreis des Europarats. Herausgeber der Zeitung Respekt in Prag.

© IWM
Anne-Marie Slaughter
Dekanin an der Universität Princeton. Vorsitzende der American Society of International Law und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Außerdem Ratsmitglied in der World Peace Foundation.

© IWM
George Soros
US-amerikanischer Investmentbanker und Mäzen ungarischer Herkunft. Vorsitzender des Open Society Institute in NY und Initiator des 2007 gegründeten European Council on Foreign Relations.