Lecture 4: What Holds a Society Together?

Anthony Giddens, © Andreas Altmann 2008
Auszug aus Der Standard (28.04.08): ‚Nächstenliebe als Gesellschaftskitt’
„Gesellschaften haben ihre Identität immer darüber bestimmt, wer ihre Feinde waren“, setzte der Soziologe Anthony Giddens bei der Debatte „What holds a society together“ am Sonntag im Burgtheater an. Seitdem es keine klassischen Kriege in Europa und Nordamerika mehr gebe, sei damit Schluss. In einer modernen multikulturellen Gesellschaft gehe es darum, neue Spielregeln zu finden, an die sich alle halten. „Das mag sein“, erwiderte der scheidende italienische Innenministers Giuliano Amato. „Aber wie soll ich das 20 Einwanderern erklären, die in einem kleinen, heruntergekommenen Zimmer leben und dafür pro Kopf 200 Euro Miete zahlen? Wie propagiere ich die Regeln, an die sich auch meine Landsleute nicht halten?“

Giuliano Amato, © Andreas Altmann 2008
Mit Amato und Giddens diskutierten im gut gefüllten Theater Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und die Harvard-Professorin Jennifer L. Hochschild. Moderator Krzysztof Michalski, Rektor vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen, fragte zu Beginn, was in modernen demokratischen Gesellschaften Solidarität schaffen kann. […] Gusenbauer schlug drei „Diskussionsebenen“ vor: Die Politik müsse interkulturellen Dialog fördern und soziale Kohärenz schaffen. Schließlich müssten sich alle Mitglieder einer Gesellschaft an das geltende Recht halten. […] Giddens, der ehemalige Leiter der renommierten London School of Economics, lenkte die Debatte dann auf einen ganz anderen Aspekt. Die größte Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt seien nicht die durch Einwanderung ausgelösten Konflikte, sondern die Unabhängigkeitsbestrebungen zahlloser nationaler Minderheiten wie in Schottland und am Balkan. Seine Gegenstrategie: Innerhalb der Gesellschaft müsse ein Kosmopolitismus entwickelt werden, der den Separatisten das Wasser abgräbt.
Von links nach rechts: Jennifer L. Hochschild, Anthony Giddens, Krzysztof Michalski, Alfred Gusenbauer, Giuliano Amato. © Andreas Altmann 2008 / www.atelier-altmann.com

Jennifer L. Hochschild, © Andreas Altmann 2008
"Nationale Unabhängigkeitsbewegungen sind nicht die größte Bedrohung"
... widersprach Gusenbauer. […] Amato sah den Zusammenhalt der Gesellschaft noch durch etwas anderes gefährdet: ausgerechnet durch Freiheit und Individualität, also jene Kräfte, die als Triebfedern bei der Entstehung der Demokratien fungierten. Die Ausdehnung marktwirtschaftlicher Mechanismen in alle Gesellschaftssphären führe dazu, dass immer mehr Menschen ihre eigene Freiheit betonen, aber die Rechte anderer ignorierten. […] Einig waren sich schließlich alle auf dem Podium, dass der Wohlfahrtsstaat eine zentrale Integrationsfunktion erfüllen kann. Daher propagierte Gusenbauer vor allem eine Stärkung der Mittelschicht: Die Mittelklasse dürfe nicht nur das Gefühl haben, den Staat aufrechtzuerhalten, sie müsse auch etwas zurückbekommen. Bei der Zukunft des Sozialstaates war Migration auch für Giddens ein zentrales Thema. Der europäische Wohlfahrtsstaat basiere auf der Idee der Homogenität, sagte er. Ähnliche Menschen, die ähnlichen Gefahren ausgesetzt seien und daher bereit sind, den Sozialstaat mitzufinanzieren. Aber was, wenn die Homogenität verlorengeht?

Alfred Gusenbauer, © Andreas Altmann 2008
Die Integrationsfunktion des Wohlfahrtsstaates
Einig waren sich schließlich alle auf dem Podium, dass der Wohlfahrtsstaat eine zentrale Integrationsfunktion erfüllen kann. Daher propagierte Gusenbauer vor allem eine Stärkung der Mittelschicht: Die Mittelklasse dürfe nicht nur das Gefühl haben, den Staat aufrechtzuerhalten, sie müsse auch etwas zurückbekommen. Bei der Zukunft des Sozialstaates war Migration auch für Giddens ein zentrales Thema. Der europäische Wohlfahrtsstaat basiere auf der Idee der Homogenität, sagte er. Ähnliche Menschen, die ähnlichen Gefahren ausgesetzt seien und daher bereit sind, den Sozialstaat mitzufinanzieren. Aber was, wenn die Homogenität verlorengeht?

Alfred Gusenbauer, © Andreas Altmann 2008
„Gesellschaften profitieren von Einwanderung. Aber es gibt auch Verlierer. Auf lokaler Ebene kann Migration sehr wohl zu einem Absinken der Löhne führen.“
Giddens plädierte in diesem Zusammenhang plädierte für mehr Ehrlichkeit. Gegen Ende der Debatte wurde auch über die Religion diskutiert. Sie spiele für den Zusammenhalt von Gesellschaften eine immer geringere Rolle, sagte Gusenbauer. Das bestritt Amato und verwies auf die Nächstenliebe. „Es gibt säkulare Prinzipien, die den Zusammenhalt fördern können. Aber es gibt kein säkulares Prinzip, das uns sagt, andere zu lieben.“ Und das sei eine immense Kraft.
Die Referenten:

© Gabriela Mirescu
Giuliano Amato
Seit 2006 italienischer Innenminister und ehemaliger italienischer Ministerpräsident. Professor für Verfassungsrecht. 2002 bis 2003 Vizepräsident des Europäischen Konvents.

© SPÖ / Peter Rigaud
Alfred Gusenbauer
Bundeskanzler von Österreich und Parteivorsitzender der SPÖ. 1995 bis 1998 Vorsitzender des Sozialausschusses der Parlamentarischen Versammlung des Europarates.

© Associated Press
Anthony Giddens
Britischer Soziologe. Ehemaliger Direktor der London School of Economics and Political Science, davor Professor für Soziologie am King’s College, Cambridge.

© Andreas Altmann 2008
Jennifer L. Hochschild
Henry-LaBarre-Jayne-Professor of Government und Professor of African and African-American Studies an der Harvard University, Cambridge (USA). Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Ehemalige Vize-Präsidentin der American Political Science Association. Mitglied des Board of Trustees der Russell Sage Foundation. Ehemaliges Mitglied des Board of Overseers des General Social Survey.